Freitag, 16. September 2011

Iași, August '09




Die Plattenbauten waren der blinde Fleck im Auge des westlichen Besuchers, die Einladung, sich als etwas besseres zu fühlen, Kraft eines ästhetischen Urteilsvermögen, das einen befähigte, den herausragenden Schauwert des Taj Mahal zu erkennen. Die optische Blockade, die durch den Mangel an gewohnten Reizen erklärt werden könnte, aber nicht mit einem tatsächlichen Mangel an Reizen, löste sich erst nach Tagen beim Betrachten einer Plattenbaufassade, an der mit einem Mal die Vielfalt von Lebenszeichen auffiel, mit der die tägliche Existenz der Menschen diese formstrenge Architektur versehen hatte. Viele Balkons, die als Stauraum, Blumengarten oder Bücherzimmer dienten, verschlossenen sich nicht dem Blick von der Straße, sondern erlaubten dem Passanten Spekulationen über das Leben ihrer Bewohner. Andere Balkons waren mit Busscheiben verglast worden, ein Beleg für die Kriegsökonomie, die im Osten herrschte, und die die Menschen zu Bastlern machte, wie unsere Großmütter aus Wehrmachtshelmen Kochtöpfe und bauten und Kleider aus Fallschirmseide nähten. Die Freude über die gelungene Lösung, die ein Bastler empfindet, wenn es ihm gelungen ist, durch die Kraft seiner Imagination aus dem zufällig vorhandenen das gerade benötigte herzustellen, wurde bei der Klage über die Mangelwirtschaft, die vor allem von denen erhoben wurde, die gar nicht unter ihr gelitten hatten, unterschlagen.

Kommentare:

Bianca Schlimm hat gesagt…

Schwöre bitte dass Du das hier nicht gefotoshopt hast. Wieviele Balkons mit Busfenstern gab es denn? Sehr cool die Rumänen!

Dan Richter hat gesagt…

Kriegsökonomie & Großmütter: Meine Großmutter geriet dort in Gefangenschaft.