Lesung in Erfurt, in der Buchhandlung Peterknecht, einem Familienbetrieb in dritter Generation. Das schöne Firmensignet hat der Erfurter Künstler und Grafiksammler Rudolf Franke entworfen. Da ich auch über meine Erfurt-Erkundungen erzählt und die Gagarin-Büste am Gagarin-Ring erwähnt habe (an dem das ehemalige Hotel Kosmos liegt, das leider nicht mehr so sinnig heißt), wies mich eine Zuschauerin darauf hin, daß es auch eine Gagarin-Dahlie gibt, die vor gar nicht langer Zeit in der Nähe der Büste wieder eingepflanzt worden ist. Die Züchtung ist im Rahmen eines Erfurt-Besuchs von Gagarin 1963 nach ihm benannt worden, 2011 hat eine Zeitung einen Suchaufruf gestartet, und tatsächlich hat sich eine Erfurter Rentnerin gemeldet, die die Pflanze seit Jahrzehnten bei sich im Garten pflegt, also die Knolle im Winter ausgräbt (mit ein bißchen Erde dran) und Ablegerknollen an Gartenfreunde weitergegeben hat. Ich bekam dann noch den Hinweis, mir die alte Parteischule in Erfurt anzusehen, und zum Glück habe ich das am Morgen gemacht. Die Gebäude dienen jetzt als Gästehaus, man kann sich dort einmieten. Im Foyer findet man die Ästhetik von damals wie in einem Bernstein konserviert. Die psychedelische Tapete, die wundervollen Wendeltreppen, das Wandbild mit den typischen Motiven: über Papieren brütende junge Ingenieure, musizierende Jugendliche, eine junge Melkerin. So wünschte man sich die Jugend, und dann wollten sie Beat hören und Röhrenjeans tragen.
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Donnerstag, 10. Dezember 2015
Mittwoch, 30. September 2015
Berlin Frankfurter Tor
Berlin, Frankfurter Tor, Blick zum Fernsehturm im Jahr 1985 und heute. In der 9.Klasse haben wir uns hier im Zeichenunterricht wie einst Van Gogh unterm freien Himmel auf dem Mittelstreifen aufgebaut und die Henselmann-Türme getuscht. Immerhin hatte ich schon etwas von Zentralperspektive gehört, was mir wahrscheinlich eine 1 sicherte. Ob ich den Sonnenuntergang dazuerfunden habe? Die RFT-Werbung ist inzwischen von den Türmen verschwunden, es gibt keine Nadelbäume mehr auf dem Mittelstreifen und die Fensterhöhlen der Häuser sind nicht mehr so bedrohlich schwarz. Im Logo des Strahlentherapie-Zentrums, das heute an der Ecke sitzt, sind die Türme auch nochmal zu sehen.
Samstag, 22. August 2015
Ostmoderne in Bulgarien
Wie in Rumänien fiel mir auch in Bulgarien auf, wieviel Mehrfamilienhäuser mit Bauhaus-Elementen es gibt, meistens sind sie sogar noch ganz gut erhalten. Leider bin ich kein Architekturhistoriker und kann mir nicht erklären, warum dieser Baustil auf dem Balkan so erfolgreich war. Die Gebäude aus der sozialistischen Zeit sind dagegen leider oft in sehr schlechtem Zustand. Wahrscheinlich war schon das Baumaterial minderwertig. Für diese Epoche hat hier niemand etwas übrig. Warum? Ich liebe diese Schmetterlingsdächer. Man staunt über die geschickt gegliederten Fassaden. Der breite Wohnriegel aus Gabrovo wirkt auf dem Foto leider nicht so beeindruckend komponiert wie in echt. Die unterbrochenen Balkonbänder, man merkt, daß da jemand wußte, was er wollte. Traurig, wenn man sieht, was danach kam, die postmoderne Welt der unsensibel hingeklotzten Glasprismen-Banken, des Folklore-Kitschs und der vom Baumarkt inspirierten Säulchen-Fassaden, bei denen man keinen gestalterischen Gedanken mehr erkennt.
Montag, 27. Juli 2015
Buzludzha
Das Buzludzha-Monument wurde 1981 auf 1441 Metern Höhe errichtet, um daran zu erinnern, daß hier 1891 in einer geheimen Versammlung die sozialdemokratische Partei Bulgariens gegründet wurde. Durch ein kleines Loch in einer der Betonwände, unter dem jemand Steine aufgetürmt hat, kann man in den Kongreßsaal einsteigen, den ein Panorama-Mosaik schmückt. Die Bulgarin, die mir beim Friseur am Tag vor meiner Abfahrt aus Berlin die Haare geschnitten hat, meinte, Buzludzha sei das meistgehaßte Gebäude Bulgariens. Mag sein, aber es waren viele Besucher da, ganze Familien, und für mich ging ein Traum in Erfüllung. Wenn ich von diesem Ort bei meinem ersten Besuch im Jahr 1999 gewußt hätte, als das Internet noch nicht voll von Buzludzha-Fotos gewesen ist, ich wäre durchgedreht, auf so etwas gestoßen zu sein. Der Raumeindruck im Saal ist großartig, und die Bildsprache auf diesen Mosaiken ist auf eine seltsame, schräge Art anders als man es von uns gewohnt ist.
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Sonntag, 19. Juli 2015
Tetris zum Sitzen
Das macht Reisen in Osteuropa für mich so aufregend, man trifft überall auf Details einer untergegangenen Designkultur, die im krassen Gegensatz steht zur aufdringlichen Postmoderne der Glasprismen-Bankgebäude, verkitschen Nationaldenkmäler und historistisch-verschnörkelten Stadtmöbel, die danach den öffentlichen Raum übernommen haben. Heute kann jeder machen, was er will, wenn er Geld oder Macht hat. Dagegen hier die immer noch moderne, elegante Form, die reizvolle Verbindung von Holz und Beton, die fröhlichen, aber nicht übertrieben-dominanten Farben. Vielleicht gefällt mir diese Bank in Sofia aber auch nur so, weil sie mich an Tetris erinnert.
Samstag, 28. März 2015
Görlitz/Zgorzelec
Als
ich Görlitz nach einer Katastrophenfahrt durchs Erzgebirge mit
halbem Kreislaufkollaps und Nervenzusammenbruch erreiche, begrüßt
mich auf dem erstaunlicherweise kostenlosen Parkplatz der riesige
Schriftzug: "WÄHLT THÄLMANN!" Über die Reize des
mittelalterlichen Görlitz muß man nicht mehr reden, "Aber
Görlitz ist ja wirklich schön!", so ein Satz ärgert einen
schon fast wieder, weil er so klingt wie: "Wenigstens sind die
Beatles ordentlich angezogen." In der DDR-Zeit ist die Altstadt
verfallen, und der "Flüsterbogen", den es hier am Markt
gibt, und der tatsächlich funktioniert, war nur ein schwacher Trost
für fehlende Telefone. Entsprechend beliebt ist auch heute noch das
Neubaugebiet Königshufen, wer damals dorthin ziehen durfte, konnte
sich glücklich schätzen und bleibt heute auch dort wohnen. Jeder
hat schon einmal davon gehört, wie liebevoll die Görlitzer Altstadt
nach der Wende renoviert worden ist, daß hier dauernd
Hollywood-Filme gedreht werden, und daß "sogar"
westdeutsche Rentner sich hier für ihren Lebensabend ansiedeln
(Pensionopolis hieß die Stadt aber schon unter den Preußen, und bei
einem Bevölkerungsrückgang seit der Wende von ca. 100000 auf 54000
Einwohner bräuchte man viel mehr davon.) Die Rettung der Altstadt
wurde mit der fast kompletten Zerstörung der Industrie (Waggonbau,
Textilindustrie, Frottana-Handtücher in Großschönau!) bezahlt und mit dem Weggang
der Jugend. Im polnischen Teil der Stadt, jenseits der Neiße,
herrscht dagegen Wohnungsmangel, hier gibt es junge Leute, und viele
Polen, die in Deutschland arbeiten, wohnen inzwischen in Görlitz,
weil es dort Wohnraum gibt. Die polnische Seite beeindruckt durch
einen kaskadenartigen Plattenbaukomplex, der neuerdings schamvoll
verdeckt wird von einer Altstadt-Imitation, die an die Ästhetik der
deutschen Seite angelehnt ist. Aber man sieht die markanten
Plattenbauten trotzdem immer in der Fluchtlinie der Görlitzer
Straßen, und aus Prospekten des Tourismus-Büros werden sie schon
mal rausretuschiert. Man sollte sie sich von nahem ansehen! Zur
absolut schmucklosen Rückseite, die an ein Gebirgsmassiv erinnert,
gehört immer die Vorderseite mit den bunten Balkons, die von ihren
Bewohnern erzählen. Gleich auf mehreren Spielpätzen gibt es noch
die schönen alten Stahl-Klettergerüste, die bei uns der TÜV auf
dem Gewissen hat.
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