Im Garten unserer Gastgeber hingen Plasteflaschen in den Bäumen, aber nicht gegen Krähen oder Stare, sondern für Țuică cu fruct, Schnaps mit Frucht. Man konnte gar nicht anders, als darin eine Metapher für unser Leben zu sehen: von Geburt an sind wir von einer unsichtbaren Mauer umgeben, die uns von der Welt trennt, man ernährt uns, wir wachsen und damit ist uns für immer der Fluchtweg versperrt.Dienstag, 4. Oktober 2011
Gura Râului, August '08
Im Garten unserer Gastgeber hingen Plasteflaschen in den Bäumen, aber nicht gegen Krähen oder Stare, sondern für Țuică cu fruct, Schnaps mit Frucht. Man konnte gar nicht anders, als darin eine Metapher für unser Leben zu sehen: von Geburt an sind wir von einer unsichtbaren Mauer umgeben, die uns von der Welt trennt, man ernährt uns, wir wachsen und damit ist uns für immer der Fluchtweg versperrt.Freitag, 30. September 2011
Măldăreşti, August '08
Wem die Mangelgesellschaft eine besondere Anpassungsfähigkeit antrainiert hatte, der befand sich in einer Welt schwindender Ressourcen in der Avantgarde. Der Blick für die unerkannt in den verfügbaren Materialien schlummernde Funktion hatte eine künstlerische Dimension. Der Stützisolator war ein Ready-made, man mußte ihn nur aus seinem Sinnzusammenhang lösen und als Torpfosten verwenden, eine Methode, die Marcel Duchamp berühmt gemacht hat. Plötzlich hatten die Schirme um den Strunk, die bei diesen Bauteilen für eine Kriechwegverlängerung sorgen, eine dekorative Wirkung. Donnerstag, 29. September 2011
Craiova, August 2008

Dienstag, 27. September 2011
Strehaia, August '08
Wir nahmen den Zug, um in einer Kleinstadt Paläste zu sehen, wie sie sich reiche Roma im ganzen Land bauten, manchmal standen sie so dicht an dicht, daß man sich fragte, warum in unseren Einfamilienhaussiedlungen die Häuser nicht die ganze Breite des Grundstücks einnahmen. Von weitem sah man schon die übereinander gestapelten silbernen Dächer, die an Pagoden erinnerten. Die Popularität dieser Bauweise könne mit dem frühen Jazz verglichen werden, las ich. Das Bedürfnis nach einer Identität, die Unbefangenheit gegenüber den Konventionen, das Vergnügen an der Nachahmung, die Aneignung von brauchbaren Versatzstücken, der Dialog mit einem wachsenden Publikum, die negative Werbung durch den Ruf einer Unkultur. Ein Gebäude hieß "Vila Mitea", das konnte der Name des Besitzers sein, aber vielleicht hieß das Haus ja wirklich "Villa Schmiergeld". Im Dachfirst stand "Mitea Bulibaşa für Florin". "Bulibaşa" kam aus dem Türkischen und bedeutete "Scharführer", so hieß der Anführer einer Gruppe Roma. Was bedeuteten die silbernen Tränen im Dachfirst? Es gab Häuser, die die grünen Dachziegel von McDonalds-Filialen kopierten, bei diesem hier, das vergleichsweise gediegen wirkte, hatte man wohl an ein Tiroler Chalet gedacht, allerdings mit zwei Garageneingängen. Die schmale Eingangstür führte auf eine breite Marmortreppe, auch der Zaun war aus Marmor. Der Reichtum der Besitzer solcher Häuser sollte aus dem Handel mit Altmetallen stammen. Die Gullydeckel in der Gegend waren deshalb mit Bewehrungsstahl am Boden verankert worden. Ein Detail irritierte mich, denn die Streben der hölzernen Balkonbrüstung ähnelten auffällig dem Schlüsselhalter, den ich in der Unterstufe im Werkunterricht gebastelt hatte. Ein Beispiel für die parallele Entstehung von Kultur in ganz unterschiedlichen Kontexten, für die es bestimmt einen schönen Fachbegriff gibt.
Sonntag, 25. September 2011
Tîrgu Jiu, August '08
Für Science-Fiction-Literatur gab es im Rumänischen ein eigenes Wort, "literatură de anticipaţie". Die Rumänen legten Wert darauf, das Düsenflugzeug, den Kugelschreiber, die Insulingewinnung, Baseball und die perfekte Turnübung antizipiert zu haben. Die Arbeiter der Stadtwirtschaft, meist waren es Roma, benutzten Schubkarren, die mir gleichzeitig futuristisch und altmodisch vorkamen. Ganz früher hatten Fahrräder einmal so große Räder gehabt, und Pferdekutschen. Seltsam, daß sich diese Erfindung nicht bis zu uns verbreitet hatte, wie zu anderen Zeiten unter viel ungünstigeren Bedingungen so entbehrliche Dinge wie Porzellan und Schießpulver. Ging die uralte amerikanische Zukunftsvision eines zweirädrigen Autos auf die rumänische Schubkarre zurück? Bei Düsenflugzeug, Kugelschreiber, Insulingewinnung und Baseball machte die Welt den Rumänen ja auch die Urheberschaft streitig. Oder hatten die Rumänen die amerikanische Technikspinnerei einfach ihren realen Bedürfnissen angepaßt?
Donnerstag, 22. September 2011
Craiova, August '08
Im "caiet sugestii și reclamaţii" der Supermarktkette "Primăvara" las ich: "Das junge, brünette Fräulein von den 'Warmprodukten' ist frech und behandelt die Kunden sehr anmaßend. Schmeißt sie raus!!!!!!" Und gleich darunter: "In der Produktpalette mit Tiernahrung findet sich kein Futter für Hamster und Meerschweinchen. Eingedenk dessen, daß ein Supermarkt absichern muß, daß ..." Leider fehlte der Rest, weil ich nicht diesen Eintrag fotografiert hatte, sondern den ersten: "Im Winter müßtet ihr den Namen ändern." Diese Bemerkung, die sich auf den Namen der Kette bezog, "Frühling", erschien mir ungeheuer geistreich und pointiert und beispielhaft für den hier allgegenwärtigen Alltagshumor. Nacherzählt war es allerdings nicht so lustig, nicht weil die Übersetzung ein sprachliches Problem dargestellt hätte, sondern weil man die Beschaffenheit des "Hinweis- und Reklamationshefts" mit seinem Kästchenpapier miterzählen mußte, das auf einem Pult hinter der Kasse lag, weil man die neue Realität der Supermärkte vor dem Hintergrund der Versorgungskrise der 80er Jahre sehen mußte, weil die Zufälligkeit, mit der ich auf den versteckten Eintrag gestoßen war, dem Fund besonderen Charme verlieh, weil man die Kultur des Meckerns erlebt haben mußte, die hier gepflegt wurde, von Menschen, die sich lange Jahre von den allmächtigen Verkäuferinnen hatte gängeln lassen, weil ich jetzt in jedem, den ich auf der Straße sah, den Autor dieser Bemerkung vermuten konnte. Reisen, ohne die Sprache zu lernen, war gar nicht möglich. Mit jeder sprachlichen Anspielung, die man entschlüsseln konnte, wurde die Erfahrung intensiver und anderen, die die Sprache nicht lernten, schwerer zu erklären. Der Genuß wurde immer einsamer.
Mittwoch, 21. September 2011
Craiova, August '08
Vom Geflecht der Gasleitungen, das an manchen Häuserwänden offen lag und dadurch etwas anrührend verletzliches hatte - vor allem, wenn man es mit der Farbe der Unschuld unsichtbar zu machen versucht hatte-, ging auf mich die gleiche Faszination aus, wie von den Schaltplänen und Leiterplatten, deren Sprache ich als Jugendlicher vergeblich zu lernen versucht hatte, weil ich mir vorstellte, daß es mir eine große Macht verliehen hätte, darin lesen zu können. Aber auch, wenn ich nichts davon verstand, schraubte ich gerne Geräte auf, es war wie der Blick unter die Motorhaube, eine Geste, die keinen Sinn hatte, sich aber gut anfühlte. Vielleicht mochte ich diese Gasleitungen auch, weil sie mich an meine alte Wohnung erinnerten, wo es ähnlich ausgesehen hatte. Rohre führten hinein und andere hinaus, manche kannte ich, andere nicht, aber es war gut zu wissen, daß wenigstens meine Wohnung ihre Rolle in der Gesellschaft voll ausfüllte.
Dienstag, 20. September 2011
Craiova, August '08
Selten hatte ich mich so frei gefühlt wie im Sommerkurs an der rumänischen Universität. Mit Heinz-Rühmann-Lächeln unterwarf ich mich voller Lust einer Ordnung, die auf mich als Privatier keinen Zugriff mehr hatte. Vielleicht hätte ich mich auch über einen Hocker gebeugt und Schläge mit dem Rohrstock hingenommen, um den Grad meiner Freiheit noch intensiver auszukosten. So muß man sich gefühlt haben, wenn man mit einem Westpaß in den Ostblock reiste, wie Herr Rossi, der nur in die Trillerpfeife blasen mußte, um sich in der der größten Gefahr in Luft aufzulösen und durch die Zeit zu verduften. Auf meine Art erlebte ich dasselbe, wenn ich morgens, mit einem Automatenkaffee in der Hand, zu spät den Unterrichtsraum betrat und, wenn mich etwas nicht interessierte, die Zeitung überflog. Den ins Exil gegangenen Rumänen wird vorgehalten, sie dürften sich kein Urteil über das Leben der Zurückgebliebenen erlauben. Dasselbe sagen die, die während der Belagerung in Sarajevo ausgeharrt haben über die Flüchtlinge. Wie weit muß man anwesend sein, um über ein Land Aussagen zu treffen? Manche Dinge fallen einem ja nur in den ersten fünf Minuten auf, z.B. das Wasser von den Klimaanlagen, das mir an den ersten Tagen auf den Kopf tropfte, es war für meine Wahrnehmung irgendwann verschwunden, weil ich den Pfützen automatisch auswich. Gibt es überhaupt die Realität Rumänien, die man mehr oder weniger gut kennen kann? Ergibt eine Dokumentation von Wim Wenders ein relevanteres Bild als eine einem Straßenhund umgebundene Kamera? Wieviel muß man gesehen haben? Ist "gesehen haben" quantifizierbar? Wenn das, was man sehen könnte, unendlich ist, spielt es dann eine Rolle, wieviel man gesehen hat? Sieht man mehr, wenn man sich viel bewegt, oder wenn man stehen bleibt und wartet? Beim Sommerkurs an der Universität fühlte ich mich wie der König als Bettler, der Traum von einem Studium ohne Prüfungen, einer Lehre, die nie zuende geht, ein Leben ohne jüngstes Gericht. Die Utopie einer Gesellschaft, in der jeder in Wirklichkeit nur den Platz eines anderen eingenommen hat, allen macht ihre Tätigkeit Freude, weil keiner machen muß, was er tut.
Montag, 19. September 2011
Băile Herculane, August 2008

Freitag, 16. September 2011
Iași, August '09

Die Plattenbauten waren der blinde Fleck im Auge des westlichen Besuchers, die Einladung, sich als etwas besseres zu fühlen, Kraft eines ästhetischen Urteilsvermögen, das einen befähigte, den herausragenden Schauwert des Taj Mahal zu erkennen. Die optische Blockade, die durch den Mangel an gewohnten Reizen erklärt werden könnte, aber nicht mit einem tatsächlichen Mangel an Reizen, löste sich erst nach Tagen beim Betrachten einer Plattenbaufassade, an der mit einem Mal die Vielfalt von Lebenszeichen auffiel, mit der die tägliche Existenz der Menschen diese formstrenge Architektur versehen hatte. Viele Balkons, die als Stauraum, Blumengarten oder Bücherzimmer dienten, verschlossenen sich nicht dem Blick von der Straße, sondern erlaubten dem Passanten Spekulationen über das Leben ihrer Bewohner. Andere Balkons waren mit Busscheiben verglast worden, ein Beleg für die Kriegsökonomie, die im Osten herrschte, und die die Menschen zu Bastlern machte, wie unsere Großmütter aus Wehrmachtshelmen Kochtöpfe und bauten und Kleider aus Fallschirmseide nähten. Die Freude über die gelungene Lösung, die ein Bastler empfindet, wenn es ihm gelungen ist, durch die Kraft seiner Imagination aus dem zufällig vorhandenen das gerade benötigte herzustellen, wurde bei der Klage über die Mangelwirtschaft, die vor allem von denen erhoben wurde, die gar nicht unter ihr gelitten hatten, unterschlagen.
Donnerstag, 15. September 2011
Nördlich von Iași, August '09

Mittwoch, 14. September 2011
Iași, August '09

Dienstag, 13. September 2011
Iași, August '09
